Glanz & Kante

Transkulturelle Begegnungen und dekoloniale Verantwortung

Warum Museen keine neutralen Orte sind und wie durch Ausstellungen explizit Fragen an Objekte und museale Einrichtungen gestellt werden können, ist Gegenstand in dieser Episode. Es geht dabei um transkulturelle Begegnungen, dekoloniale und machtkritische Verantwortungen und darum, wie eigene Blicke kritisch geschärft werden können. Mit Silvia Gaetti nähern wir uns diesen Themen mit einem Fokus auf Schmuck an und erfahren zudem, wie diese Ansätze auch im Alltag integriert werden können.

LINKS zur Episode

GRASSI Museum für angewandte Kunst Leipzig

Grassi MaK instagram | @grassimak

Sonderausstellung Cultural Affairs - Kunst ohne Grenzen (10.06.2021-03.10.2021)

DANKE

Musik: Mine Pleasure Bouvar Wenzel | @mine_pleasure_bouvar

Dieser Podcast wird unterstützt von dem Fachbereich Metallgestaltung der HAWK, der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, Holzminden, Göttingen sowie dem AStA der HAWK. Vielen Dank dafür!

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Transkription

A.S. Ruth Schneider: Hallo und herzlich willkommen im Glanz & Kante Podcast, der Podcast, der Einblicke gibt in die Facetten der körperbezogenen Objekte. Heute sprechen wir mit Silvia Gaetti, Kuratorin der asiatischen Sammlung des Grassi Museum Leipzig. Schön, dass Du heute hier bist, Silvia!

00:00:35

Silvia Gaetti: Danke für die Einladung, ich freue mich auch sehr.

00:00:54

A.S. Ruth Schneider: Wir würden Dich gerne kurz vorstellen. Du wurdest in Italien geboren und hast neben einem Studium der Kunstgeschichte und Sinologie im Master Kunstgeschichte im globalen Kontext studiert, Du hast in Galerien gearbeitet, am Projekt Humboldt Lab mitgewirkt, bist bei vielen Projekten mit transdisziplinären und transkulturellen Ansätzen aktiv und arbeitest seit Ende 2016 als Kuratorin im Grassi Museum Leipzig. Dort hast Du unter Anderem die Ausstellung Cultural Affairs – Kunst ohne Grenzen initiiert, über die wir gleich noch sprechen werden. Außerdem soll es heute um transkulturelle Begegnungsräume gehen, wie eurozentristische Blick- und Deutungsgewohnheiten kritisch betrachtet werden können uns welche Rolle Museen dabei spielen und spielen können.

00:00:58

Cathleen Kämpfe: Hallo auch von mir. Die erste Frage, die wir stellen möchten ist: Was hast Du Dir aus dem Bereich Schmuck zuletzt gekauft?

00:01:52

Silvia Gaetti: Das ist eine sehr schöne Frage zum Einsteigen. Ich kaufe regelmäßig Schmuck aus einer sehr emotionalen Herangehensweise. Ich habe sehr oft Gespräche, aber auch sehr direkte Verbindungen und Begegnungen mit Schmuckkünstler*innen. Ich finde es sehr schön, Objekte zu tragen und Kunstwerke mit mir mitzutragen. Das letzte Objekt, was ich gekauft habe ist eine Brosche von Atshushi Kitahara, ein Keramikkünstler der in Japan geboren ist und in Halle lebt. Normalerweise macht er Gefäße: Im letzten Sommer hat er aber eine Serie von Porzellanbroschen unter dem Titel Fragment Pattern hergestellt. Er hat Porzellanfragmente produziert, indem er bekannte und traditionelle Muster von Kimonos auf Porzellan reproduziert. Eine dieser Broschen habe ich letzten Sommer bei ihm gekauft. Natürlich ist es ein schwieriges Objekt zum Tragen, weil es aus der dünnem Porzellan ist. Und es ist immer so ein Statement den Moment zu finden, in dem man so ein Objekt auch tragen kann. Das finde ich aber sehr spannend, also diese Übersetzung von Textil ins Porzellan. Ebenso wie eine Interpretation oder Übersetzung von dem Thema Muster von Textil in Porzellan.

00:01:58

Cathleen Kämpfe: Schön, dass Du gesagt hast, dass Du viel Kontakt auch zu Schmuckkünstlern und Schmuckkünstlerinnen hast. Wie wichtig ist Dir denn die persönliche Bezugnahme zu den Kunstschaffenden, wenn Du ein Schmuckstück kaufst?

00:03:36

Silvia Gaetti: Ich würde sagen, es ist extrem wichtig, den Bezug auch zu den Macherinnen zu haben. Es passiert mir eher selten, Objekte zu tragen, von denen ich nicht weiß, wer das gemacht hat oder wie es gemacht wurde. Ich muss auch sagen, ich kaufe auch meistens Objekte von Schmuckünstlerinnen. Deswegen ist es jetzt auch besonders, dass ich genau dieses letzte Stück von einem männlichen Künstler gekauft habe. Die Intention die dahinter steht, ist extrem wichtig für mich. Es ist eine unglaublich intime Begegnung finde ich, auch dieses Objekt zu tragen. Weil man einen Ausdruck einer anderen Person mit sich trägt. Also ihr wisst selbst, wie lange man auch an so einem Schmuckobjekt arbeitet, wie viel künstlerische Kraft auch da drin steckt. Und für mich ist es super wichtig, das zu wissen und zu verstehen bevor ich es überhaupt selbst weiter trage. Weil das Tragen, auch von Schmuck, ist immer eine Botschaft, auch ein Statement und ich mache das tatsächlich sehr bewusst. Ich trage fast immer Schmuck und immer so, dass ich jeden Morgen denke: Was wird heute in dem Tag passieren? Und wie will ich dem Tag begegnen? Also, habe ich jetzt Lust auf etwas fröhliches, habe ich Lust auf etwas natürlicheres, habe ich Lust auf etwas, was eher irritiert? Ich glaube, es ist ein wichtiges Thema und ich merke, dass ich sehr oft auch Menschen mit Schmuck verbinde. Also nicht nur die Macherinnen sondern vielleicht auch die Menschen, die mir dieses Stück geschenkt haben, oder die einen besonderen Bezug zu einem Objekt haben. Besonders wenn man, so wie ich, ein Leben als Nomadin geführt hat und sehr oft umgezogen ist in viele verschiedene Länder. Da ist es immer sehr schwierig, große Objekte mitzunehmen. Und Schmuck war immer für mich, genauso wie für viele andere vor mir in den tausenden Jahren davor, ein Objekt, was nicht so viel Platz einnimmt und trotzdem sehr viel aufgeladen werden kann, mitgenommen werden kann. Damit habe ich tatsächlich auch viele Jahre und viele Menschen mit mir mitgenommen.

00:03:46

Cathleen Kämpfe: Es freut mich, dass Schmuck für Dich eine so wichtige Rolle spielt und das die Du bewusst auch einsetzt. Das finde ich ganz großartig, weil im Schmuck ja ganz viel steckt, also inhaltlich und es gleichzeitig ja auch was Angewandtes ist, was Tragbares ist. Da würde sich meine nächste Frage anschließen: Wie kommt es denn, dass Du Dich für das Feld der angewandten Kunst eher entschieden hast?

00:06:03

Silvia Gaetti: Ich muss sagen, es war keine sehr direkte Entscheidung. Ich habe tatsächlich erst bildende Kunst studiert. Denn im Bereich der Kunstgeschichte ist es so, dass die angewandte Kunst immer eine eher marginale Rolle spielt und besonders wenn man in Italien geboren und groß geworden ist, ist Kunstgeschichte immer so ein Thema. Ich habe mich aber sehr früh von meinem Studium von der Sinologie eher für außereuropäische, also insbesondere für ostasiatische Kunst interessiert. Und in Ostasien ist die Definition und diese Unterscheidung von bildender und angewandter Kunst überhaupt sehr anders als in Europa. Die angewandte Kunst, also Objekte, Lackarbeit, Keramik, alle möglichen Objekte, auch alle möglichen Materialien werden auch als hohe Kunst wahrgenommen und betrachtet und nicht nur Malerei. Und deswegen ist es sehr naheliegend. Also alle, die eher ostasiatische Kunstgeschichte studiert haben oder studieren werden sehr früh mit dieser anderen Medialität und anderen Materialien im Studium konfrontiert. Ich habe aber tatsächlich erst in der bildenden Kunst, Fotografie hauptsächlich, zeitgenössische Kunst, ganz viel in Galeriebetrieb... Da habe ich bemerkt, das ist nicht das richtige. Also diese Begegnung mit Künstler*innen ist auf jeden Fall ganz anders. Dieser Umgang mit Material ist ganz anders. Es geht sehr viel um Sehen und Gesehen werden. Es ist eine ganz andere Welt, in der auch die zwischenmenschliche Begegnung ganz anders ist. Denn die Summe insgesamt oder das Geld oder die Rolle, die das Geld spielt ist eine ganz andere. Deswegen war ich sehr daran interessiert alle möglichen Bereiche zu erforschen, also nicht nur die Kunst, sondern auch materielle Kultur. Außerdem habe ich für einige Zeit am ethnologischen Museum gearbeitet und Projekte mit dem Museum für asiatische Kunst - beide in Berlin - gemacht. Und da war genau diese Vielfalt an Objekten, Materialien und Diskursen etwas, was mich sehr interessiert hat. Deswegen habe ich am Ende meinen Platz in der angewandten Kunst gefunden habe, weil sie genau diese Vielfalt anbietet und diese verschiedenen Perspektiven ermöglicht.

00:06:24

Cathleen Kämpfe: Ja. Wie schön, dass Du auch die Vielseitigkeit der Materialien noch mal angesprochen hast, das ist ja wirklich ein besonderes Thema. Was Du aber auch gemeint hast, ist natürlich Deine Ausbildung in Italien und da wollte ich ganz kurz drauf eingehen. Wie siehst Du eigentlich Deine Rolle als Person, die in Italien geboren wurde und ja auch, wie Du meintest, die ersten Jahre deiner Ausbildung hattest, und jetzt in einem Museum in Deutschland als Kuratorin für asiatische Kunst arbeitest? Das ist ja ein sehr weit umspannendes Gebiet.

00:08:48

Silvia Gaetti: Ja, für viele ist das jedenfalls schon ein großes Durcheinander. Und für mich selbst auch. Ich sage auch immer wieder, das ist eigentlich totaler Zufall, dass ich gerade in Deutschland lebe, weil ich auch während meines Studiums in vielen anderen Ländern gelebt habe und auch andere europäische Sprachen gelernt habe. Dass ich am Ende doch hier gelandet bin, hätte ich jetzt nicht gedacht, aber es ist sehr schön, dass es so ist. Und ich hinterfrage auch regelmäßig meine Rolle. Denn natürlich ist es so, dass mein Fokus auf außereuropäischer Kunst liegt. Deswegen ist auch regelmäßig die Frage der Perspektive, aus welcher Perspektive spreche ich, oder wie begegne ich Objekten oder Menschen, wenn ich in meiner Rolle als Kuratorin arbeite, da. Ich glaube, die Erfahrung als Migrantin oder als Expat ist etwas, was die Perspektive eindeutig prägt und eine bestimmte Sensibilisierung für bestimmte Themen schafft. Es sind bestimmte Erfahrungen, die ich selbst mache. Also ich bin geboren in einer Mehrheitsgesellschaft, das heißt, erst als ich selbst als Migrantin gelebt habe, also ich habe mehr oder weniger freiwillig entschieden, das Land zu verlassen, auch aus politischen, wirtschaftlichen Gründen, aber ich wurde nicht dazu gezwungen... Und trotzdem macht man durch diese Migrationserfahrung auch diese Erfahrung von Fremdzuschreibung und die Erfahrung von Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit oder bestimmte stereotypisierte Eigenschaften zugeschrieben zu bekommen. Das sind alles Erfahrungen die natürlich sehr wichtig. Ebenso das zu reflektieren in der eigenen Arbeit, um auch andere Herangehensweisen und andere Perspektiven in der Vermittlungsarbeit anbieten zu können.

00:09:20

A.S. Ruth Schneider: Ja danke, das ist irgendwie total spannend auch Deinen Hintergrund zu hören und dass Du auch immer mal wieder selbst Deine Rolle befragst. Ich glaube auf jeden Fall, dass wir das alle immer auch tun sollten, in jeglichen Positionen in denen wir uns befinden. Du hattest vorhin bereits von dem Ineinandergreifen mehrerer Bereiche gesprochen und auch darüber, wie sich Materialität und Diskurs durch Objekte widerspiegeln kann. Und 2021 gab es ja eben diese Ausstellung Cultural Affairs - Kunst ohne Grenzen im Grassi Museum. Was war denn der Hintergrund der Ausstellung? Wie war die Arbeit an dieser Ausstellung? Und vielleicht möchtest Du auch noch mal kurz erwähnen oder - sofern das überhaupt ausdefinierbar sein kann - was „transkulturell“ bedeutet oder meinen kann.

00:11:15

Silvia Gaetti: Ja, die Ausstellung war auf jeden Fall für mich ein sehr wichtiges Projekt und ich würde sagen eine Herzangelegenheit. Das ist ein Projekt an dem ich schon länger gedacht und geplant habe. Wie gesagt habe ich bereits während meines Studiums in den Niederlanden den Schwerpunkt auf globale Kunstgeschichte gelegt habe und hatte das große Interesse dahingehend, wie man Kunstgeschichte oder Kunst aus einer möglichst wenig eurozentrischer Perspektive, beziehungsweise einer transparenten eurozentrischen Perspektive betrachten kann. Die Ausstellung war natürlich das perfekte Anliegen, um viele Fragen an der Institution selbst, an Sammlungen und an den Objekten zu stellen. Aber auch um sehr aktuelle und relevante gesellschaftliche Diskurse ebenfalls in das Museum zu bringen. Das Projekt hatte viele verschiedene Ebenen. Es hatte natürlich ein politisches Ziel, aber auch den Wunsch zu zeigen, dass kulturelle Begegnungen schon länger die Menschheit begleiten, beziehungsweise schon immer. Und sogar transkulturelle Begegnungen der Motor für kulturelle Objekte und insgesamt für Kultur darstellen können. Die Ausstellung hatte das Ziel, verschiedene Formen der kulturellen Begegnung zu zeigen und auch den Begriff der Kultur überhaupt zu hinterfragen. Und die Entscheidung war, Objekte aus der Sammlung im Dialog mit ausgeliehenen oder auch für die Ausstellung angekauften zeitgenössischen Objekten zu zeigen. Die meisten Objekte sind demnach aus dem letzten Jahrhundert, es waren hauptsächlich zeitgenössische Objekte, aber aus allen möglichen Sprachen: aus dem Bereich Mode, ganz viel Schmuck, aber auch Design, Keramik, verschiedene kooperative Projekte. Und in der Ausstellung wurden verschiedene Themen auf verschiedenen Ebenen thematisiert, wie auch Design in einer postmigrantischen Gesellschaft existiert. Die Rolle des Museums ist eine sehr wichtig. Denn Museen sind keine neutralen Orte. In dem Moment, in dem man die eigene Sammlung hinterfragt oder zeigt als möglichen Ort, an dem man auch diese Diskurse anregt und ermöglicht und zwar auch mit einer bestimmten Offenheit. Das war für mich, und ich glaube auch für das Museum, ein sehr wichtiger Schritt. Wir haben das in der Ausstellung so gelöst, dass in der Ausstellung an verschiedenen Stellen Fragen waren. Also eine sehr offene und prozessorientierte Herangehensweise, um auch zu zeigen: Themen, wie transkulturelle Begegnungen, aber auch Themen wie Dekolonisierung sind alle sehr aktuelle Themen und Prozesse in den Museen. Aber nicht nur in Museen, sondern insgesamt in kulturellen Institutionen, in denen sich eigentlich die ganze Gesellschaft gerade befindet. Und es ist unmöglich jetzt ein letztes Wort in diesem Diskurs zu geben oder auszustellen. Das ist etwas, das normaler Weise eher in Museen passiert. Es wird immer etwas als die Wahrheit dargestellt und nicht ein Prozess oder ein offener Prozess oder eine Fragestellung oder Ich-weiß-es-eigentlich-nicht. Und für unser Museum, also für das Museum für angewandte Kunst war das ein sehr wichtiger Prozess, weil wir auch eine Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung hatten. Die hat aber nicht diesen kuratorischen Prozess begleitet, sondern in die ganzen Entscheidungen, die das Wording, also was Wörter und Perspektive betreffen. Ich war sehr dankbar dafür, weil ich als Kunsthistorikerin natürlich einen bestimmten, weil mich das Thema interessiert, ein bestimmtes Maß an kritischen Hintergrund hinzufügen kann. Aber ich habe natürlich nicht diesen politischen Hintergrund und das war deswegen sehr wichtig.

00:12:12

A.S. Ruth Schneider: Ja, total und das ist ja auch total wichtig, dass diese Begriffe und Definitionen auch fortlaufend immer weiter befragt werden. Und nur weil das gerade ein bestimmter Bereich so benutzt heißt das natürlich nicht, dass das gesetzt zu sein hat und für immer so dort stehen muss. Und ich finde das natürlich auch, noch mal ein paar Schritte zurück, total klasse zu hören, dass Du oder ihr euch als Team während dieser Arbeit an der Ausstellung auch sensibilisiert hat oder begleitet wurdet. Und ich glaube, das ist auch total notwendig da die eigenen Perspektiven auch immer noch mal mit anderen zu besprechen und möglicher Weise auf blinde Flecken und so weiter aufmerksam gemacht zu werden.

00:18:03

Silvia Gaetti: Ich glaube, es ist ein notwendiger Schritt, den viele Institutionen gehen müssen. Das ist kein schmerzfreier Prozess. Besonders wenn man jetzt in Kulturinstitutionen wie Museen arbeitet, wird man ständig damit konfrontiert, mit diesen Strukturen vom Museum selbst. Denn es sind Kulturinstitutionen die aus einer Zeit kommen, in der dieses koloniale Denken, rassistisches Denken eher Alltag war. Und das sieht man an sehr vielen Stellen und teilweise auch offensichtlich. Es ist wirklich eine Institution, die einfach strukturell weiterhin etwas reproduziert, auch unbewusst. Diesen Reproduktionsprozess zu unterbrechen oder zu hinterfragen ist ein sehr sensibler und sehr langwieriger Prozess. Das ist wie ein Rattenschwanz. Man fängt bei etwas kleinem an, das man merkt. Aber wie viel damit zusammenhängt... Es geht nicht nur darum eine Ausstellung zu dem Thema zu machen und dann „weiter wie immer“. Dieser Prozess bringt ein komplettes Umdenken mit sich. Und ich glaube, das ist etwas, was die meisten Institutionen auch in Anspruch nehmen werden.

00:18:55

A.S. Ruth Schneider: Ja, mit Sicherheit. Aber total gut, dass das jetzt vielleicht auch endlich geschieht, so diese ganzen Prozesse. Und, um vielleicht noch mal ein bisschen auf die Ausstellung zu sprechen zu kommen. Wir interessieren uns hier natürlich für viele Dinge, aber insbesondere für Schmuck. Wie wurde denn Schmuck in der Ausstellung vermittelt und nahm Schmuck auch Bezüge zu weiteren materiellen Kulturen auf? Beziehungsweise, wie wurde das kuratiert oder dargestellt? Und was erzählte der Schmuck in der Ausstellung?

00:20:14

Silvia Gaetti: Schmuck hat in der Ausstellung eine sehr wichtige Rolle gespielt. Nicht nur weil Schmuck als körperbezogenes Objekt, also als Objekt, was man immer mit sich trägt, immer sehr nah an allen Themen die Identität betreffen ist. Sondern auch weil in dem Bereich Schmuck sehr oft viele verschiedene Themen aufeinander treffen. Und zwar nicht nur Themen wie kulturelle Aneignung, aber auch Themen wie Genderwahrnehmung, Genderdiskurse, sondern auch Themen um Materialeinsatz. Also welches Material wie und wofür benutzt wird. Schmuck grenzt auch an alle Themen die Mode Statussymbole betreffen. Und es sind auch Objekte, die sich meistens oder sehr oft in dieser Luxussphäre bewegen, wegen bestimmter Materialien. Deswegen sind sie auch extrem wichtig , um genau diese intersektionale Perspektive zu zeigen oder auch eine transdisziplinäre Perspektive einnehmen zu können. Deswegen war in der Ausstellung in allen Kapiteln auch viel Schmuck ausgestellt. Nicht nur studentische Projekte, also dieses Kooperationsprojekt zwischen verschiedenen Kunsthochschulen, unter anderem auch der Kunsthochschule in Hildesheim. Sondern ebenso verschiedene Exponate, die eher aus der Sammlung kommen. Also Objekte, die sozusagen schon in der Museumssammlung sind und sehr wichtige Perspektiven zeigen oder die Rolle von bestimmten Schmuckkünstlerinnen, die auch als Brückenbauerinnen zwischen Welten leben. Etwa Erico Nagai, die in München lebt, eine japanische Schmuckkünstlerin, die die ganze Zeit in ihrer Arbeit bestimmte japanische Techniken, Formen anwendet. Diese aber auch übersetzt in Formen, die sich europäischer Schmucktradition annähern. Sehr interessant ist auch die Nutzung oder die Wahrnehmung von bestimmten Materialien. Ausgestellt war zum Beispiel eine Halskette mit Maria-Theresien-Talern aus dem Oman, also ein Objekt das normalerweise eher in ethnologischen Sammlungen ausgestellt wird, und die natürlich durch die koloniale Vergangenheit oder den kolonialen Bezug besonders interessant wird. Weil diese Münzen im Oman, also durch die koloniale Vergangenheit auch im Oman angekommen sind und diese sozusagen auch exemplarisch als Schmuckobjekte oder als Perlen für eine Kette genutzt oder umgedeutet worden sind. Und genau diese Umdeutung von bestimmten Objekten, die dann zu Schmuck werden, zu bestimmten Statussymbolen, fand ich extrem interessant. Also dieser ganze Prozess des Übersetzens, des anders Wahrnehmens und eine ganz neue Ebene zu schaffen - nur durch die Entscheidung von bestimmten Materialien. Es gab auch die Arbeit von Corrina Goutos, eine in den USA geborene Schmuckkünstlerin, die in Hamburg lebt. Sie arbeitet unter anderem mit Kaurimuscheln. Und sie hatte dieses eine Armband aus alten Kopfhörern, geflochten und mit Kaurimuscheln ergänzt und das Armband als Fair trade? bezeichnet. Also das ist der Titel der Arbeit. Damit wird sehr eindeutig nicht nur wieder diese koloniale Vergangenheit oder diese koloniale Deutung, die Kaurimuscheln haben, wie auch die symbolische Vergangenheit, das Kaurimuscheln haben angesprochen. Auch diese Fragen des Wertes von Material als Rohstoff in der zeitgenössischen Welt, in der wir in einer ökologischen Krise leben, werden adressiert. Diese Kopfhörer, die einfach als Wegwerfobjekt entwickelt werden, aber die immer mehr, wie alle anderen Rohstoffe an Wert gewinnen werden, erzählen das. Das sind so wenige Beispiele, die aber sehr viele der Themen sehr eindeutig anhand weniger Entscheidungen was die Materialien betreffen, sehr eindeutig vermitteln.

00:20:52

A.S. Ruth Schneider: Ja, total. Es zeigt ja auch noch mal die Spannbreite, wie Schmuck eigentlich erzählen kann, auf welche unterschiedliche Art und Weise und welche Rolle dabei auch historische Bezugnahmen spielen bis zu einem: Ja, mit welchen Materialien und welcher Haltung wollen wir uns eigentlich positionieren? Oder tun es, weil wir noch nicht dazu gekommen sind uns zu fragen, wie wir das machen wollen?

Genau, warum ist denn eigentlich Dekolonisierung im Schmuck notwendig? Ich erinnere mich ein bisschen daran, als ich vor vielen Jahren immer mal wieder in Museen war und dort Schmucksammlungen oder Schmuck aus Sammlungen so ein bisschen betrachtet habe, dass ich das immer als relativ selbstverständlich wahrgenommen habe, wie ich mir das angesehen habe, aber jetzt rückblickend natürlich merke, dass schon spezifische, teilweise exotisierende Ausdrücke und Ausstellungsweisen eine Rolle spielten. Viele Institutionen und Museen sind ja, wie Du vorhin meintest, auch gerade in einem Prozess. Und wenn wir von Dekolonisierung im Schmuck sprechen wollen, glaube ich, müssen wir uns bestimmt auch fragen, welche Rolle Sprache und Wörter dabei spielen. In dem Zusammenhang, wie über Schmuck und Objekte gesprochen wird. Vielleicht hast Du dazu ein paar Gedanken?

00:25:35

Silvia Gaetti: Ich glaube, dass Dekolonisierung nicht nur im Bereich Schmuck, sondern insgesamt extrem notwendig ist, aber wie schon erwähnt, ein sehr langwieriger und komplexer Prozess ist. Zum einen ist es wichtig sich bewusst zu machen, dass dieser Prozess nicht ohne Gewalt und ohne Schmerzen stattfinden wird. Ich glaube, das ist ein wichtiges Thema, weil jede*r sich das wünscht. Jede*r wünscht sich eine rassismuskritische und kolonialkritische Perspektive und Ausstellung. Aber das bedeutet erst mal, sich einzulassen auf einen Prozess der Transparenz, Wahrnehmung, Selbstkritik und wie gesagt, auch einen gewaltsamen Prozess. Die ganze Kolonialgeschichte ist eine Geschichte von Gewalt und ich bin der Meinung, dass es schwierig wird, jetzt dieses ganze System zu verändern, abzubauen auf eine harmlose und schmerzfreie und gewaltfreie Art. Ich glaube, was es alles mit sich gebracht hat... Da fällt mir dieses Buch von Frantz Fanon Die Verdammten dieser Erde ein. Ein älteres Buch aus dem Anfang der 60er Jahre von einem der ersten Vordenker der Entkolonialisierung. Er macht da sehr eindeutig, schon in den 60er Jahren, was für Konsequenzen die politischen Entscheidungen damals von Europa auf die ganze Welt hatten. Das heißt, das jetzt alles zu verändern und uns systemisch zu hinterfragen… systemisch zu verändern ist ein langer Prozess. Und das bedeutet auf jeden Fall erst mal die Ordnung dieser Welt, wie wir das kennen, sich davon zu verabschieden und Platz für etwas anderes, etwas neues zu lassen. Ich glaube, das ist ein wichtiger Aspekt, zu thematisieren oder mitzudenken, weil er natürlich damit zusammen hängt. Und eine Dekolonisierung insgesamt, die nicht nur im Schmuck sondern überall stattfindet, kann nur stattfinden… also der erste Schritt ist, dafür ein Bewusstsein zu schaffen. Also ein Bewusstsein, das bei Objekten stattfindet, an denen kulturelle Aneignung stattfindet. Zum Beispiel, welche Materialien man wozu benutzt oder benutzt hat, woher die gekommen sind, welche menschlichen Kosten oder materiellen Kosten daran hängen. Und das Ganze zu hinterfragen soll nicht nur im Schmuck stattfinden sondern fängt tatsächlich schon im Alltag an. Und besonders im Bereich Schmuck: Es geht nicht nur um die Symbole die man trägt oder die kulturelle Aneignung, die stattfindet. Sondern es geht auch darum, wo kommen jetzt diese seltenen Perlen her, die ich benutze? Wer hat das jetzt hierher gebracht? Und zu welchen Konditionen? Wer verdient daran? Wer wurde dafür ausgebeutet? Und es ist einfach schon aufgrund von diesem Material eine extrem stark aufgeladene künstlerische Gattung. Und ich glaube, es ist unglaublich schwierig, wenn man das Bewusstsein dafür weckt oder überhaupt hat. Es ist wie eine Brille, die man einmal anzieht und nie wieder wegnehmen kann. Ich frage mich manchmal, ob das so gut war, sich diese Brille anziehen. Weil das so eine gesamte Weltbetrachtung ist und man merkt, wie viele Menschen noch von diesen kolonialen Verhältnissen profitieren. Und wie viele Menschen das weiterhin nicht sehen wollen. Selbst in jedem Smartphone, was da drin steckt. Wie gesagt, im Schmuck ist es ganz extrem, wegen dieser Nutzung von seltenen Steinen, seltenen Materialien und auch durch die ganze Branche, in der er sich meistens bewegt. Deswegen ist wie gesagt, definitiv eine Perspektivänderung aber auch ein Bewusstsein dafür extrem wichtig. Und der erste Schritt überhaupt in Richtung Dekolonisierung.

00:27:05

Cathleen Kämpfe: Jetzt hast Du schon öfter über kulturelle Aneignung gesprochen. Da nicht alle unsere Zuhörenden direkt aus dem Fachgebiet kommen: Vielleicht könntest Du ganz kurz sagen, was eine aktuelle Definition, ich denke sie ändert sich vielleicht auch noch in den nächsten Jahren, aber hast Du eine aktuelle Definition für unsere Zuhörenden und uns?

00:31:32

Silvia Gaetti: Ich kann versuchen so etwas wie eine Definition zu geben, aber das ist tatsächlich ein hoch diskutierter und hoch umstrittener Begriff. Aber kulturelle Aneignung meint eine Übernahme von einem Bestandteil einer Kultur, meistens durch eine dominierende Kultur, einer anderen Kultur oder Identität, die meistens eher eine Minderheitskultur ist. Das heißt, bei kultureller Aneignung findet meistens eine Aneignung von kulturellen Elementen oder identitätsstiftenden Elementen eher durch die Mehrheit auf die Kosten von einer Minderheit statt. Beziehungsweise, was wichtig oder kritisch dabei ist, ist das Machtverhältnis, das dabei stattfindet. Zum Beispiel wenn bestimmte Elemente von Gruppen, die unterdrückt werden oder die sozusagen unter einer historische oder kulturelle Unterdrückung gelitten haben. Oder in Fällen, wo diese kulturelle Identität zu einer Ware gemacht wird, ohne dass diese Gruppe oder Minderheit daran beteiligt ist. Oder eine bestimmte Darstellung, wie stereotypisiert wird oder falsch dargestellt, übertrieben oder verzerrt wird. Das Problem an dieser Definition ist, die Grenze zu definieren. Also wo findet eine kulturelle Begegnung statt und wo findet eine kulturelle Aneignung statt? Ab wann fängt man an über kulturelle Aneignung zu sprechen, weil kulturelle Begegnungen, wie schon am Anfang erwähnt, das begleitet die Menschheit seit ihren Anfängen. Oder wo fängt man an eine Kultur zu definieren? Besonders wenn man die Welt eher als transkulturell betrachtet, kann man schwer die Grenze definieren und sagen: Ok, das ist jetzt das Ende von der einen Kultur und hier ist dann der Anfang von den anderen. Der ganze Diskurs ist auf jeden Fall extrem ambivalent und extrem aktuell. Und er findet auf allen mögliche Ebenen statt. Also im Bereich Tanz, im Bereich Mode, im Bereich Musik, ganz extrem. Natürlich auch im Schmuck ganz extrem, indem man bestimmte Symbole, die Nutzung von bestimmten Materialien, von kulturellen Symbolen… Also in den USA ist diese Diskussion auch explodiert, anhand einer bestimmten Nutzung und Aneignung von Symbolen oder Schmuckelementen, die BIPoC Menschen gehören. Ich persönlich finde es unglaublich wichtig und unglaublich gut, dass genau das jetzt stattfindet. Also es ist natürlich so, dass das letzte Wort noch nicht gesagt ist. Aber es ist unglaublich wichtig, jetzt darüber zu sprechen und gerne auch darüber zu streiten. Es ist ein unglaublich wichtiges Thema, für viele Menschen auch lebensnotwendig, um die eigene und die Gruppenidentität zu definieren. Und wieder hat es sehr viel mit kolonialer Vergangenheit zu tun. Es ist ein sehr machtvoller und sehr gewaltvoller Akt, der sehr leise und auch unbewusst stattfindet. Das ist auch wieder eine Brille, die, wenn man sie einmal angezogen hat, sehr schwer wieder zu entfernen ist. Denn es ist schwierig diese Grenze zu definieren. Genauso wie die Brosche, die ganz am Anfang definiert worden ist mit einem Muster, das ursprünglich aus Japan kommt. Ich frage mich immer, ist das in Ordnung? Und eigentlich finde ich das in Ordnung, weil es in diesem Fall ein japanischer Künstler ist, der das selbst übersetzt hat. Es ist kein Muster, das eine symbolische oder religiöse Bedeutung hat, es ist nicht beleidigend jemand anderen gegenüber und trotzdem ist es immer eine offene Frage. Und das war auch in der Ausstellung, in Cultural Affairs, ein wichtiges Thema mit ein paar Objekten, die wirklich sehr eindeutig und an der Grenze dieses Thema angesprochen haben.

00:31:53

A.S. Ruth Schneider: Ja, das führt mich eigentlich auch schon fast zur nächsten Frage und ich finde es auch noch mal total gut, dass Du gerade noch mal gesagt hast: Hey, diese Unterhaltung und diese Besprechung, die ist schmerzhaft und die ist nicht einfach. Das hatten wir auch in unserer letzten Folge mit Chequita Nahar auch noch mal erwähnt, dass das auch einfach eine Notwendigkeit ist, dass das nicht einfach ist und dass es notwendig ist, wenn wir diese Brille einmal aufhaben, dass sie da auch erst mal bleibt und hoffentlich unsere Blicke und wie wir uns zu Dingen und Historie verhalten begleitet. Jetzt hatte ich mich gerade gefragt, wenn wir jetzt wieder ein bisschen in die Institution und in die Museen hinein gehen, wie Schmuck, aber auch Objekte dort transkulturelle Begegnungen ermöglichen können, ohne eben dabei zu kolonialisieren oder in kolonialisierende und exotisierende Blicke und Deutungsgewohnheiten zu fallen. Also ist es einfach nur das Bewusstsein, was Du vorhin angesprochen hast, was schon mal der erste notwendige Schritt ist oder was würde es vielleicht sonst noch brauchen? Spielen auch die Verhältnisse, in denen Museen sind, eine Rolle? Oder die systematischen Bedingungen aus denen Objekte dann vielleicht rausgenommen werden? Und so weiter, auch da wird es wahrscheinlich nicht die eine Antwort geben, aber vielleicht ein paar Ansätze.

00:36:14

Silvia Gaetti: Genau diese Frage habe ich mir selbst gestellt für meine Ausstellung. Es ist eine unglaublich wichtige und komplexe Frage. Also die erste Frage ist: Können Museen überhaupt so etwas leisten? Ich habe schon erwähnt, dass die Museen selbst in einem bestimmten System existieren und bestimmte Sammlungen einen bestimmten Hintergrund haben. Jetzt, in unserem Fall, im Museum für angewandte Kunst, ist 90% der Sammlung aus Europa oder aus Deutschland. Deswegen ist es etwas ganz anderes, eine Halskette aus dem Oman da zu zeigen oder im Museum nebenan, also im Grassimuseum für Völkerkunde. Dort gibt es identische Objekte, die in einer ganz anderen Umgebung, in einem ganz anderen Kontext ausgestellt werden. Deswegen glaube ich schon, dass der Kontext eine sehr wichtige Rolle spielt und auch, wie man Objekten begegnet. Also natürlich kann man nicht ganz neutral an das ganze Thema ran gehen und versuchen, Schmuck auszustellen und die ganze koloniale Vergangenheit zu ignorieren oder nicht zu thematisieren. Weil es einfach da ist, es ist wie der Elefant im Raum. Und es ist die Frage, wie viel Raum schaffe ich, um Objekte auszustellen? Chequita Nahar, die Du gerade erwähnt hast, war auch in der Ausstellung vertreten mit einem sehr schönen Objekt, einer Halskette, die verschiedene Materialien und Objekte, auch aus Surinam, enthalten. Aber wie schafft man es dann, so ein Objekt auszustellen, ohne es nur aufgrund von der Geschichte und Herkunft zu thematisieren, sondern wirklich als ein Kunstobjekt, als Schmuck, der von einer Künstlerin erschaffen worden ist? Das würden wir nie machen, wenn jetzt ein Schmuckstück von einer deutschen Schmuckkünstlerin da ausgestellt wäre, da würden wir nie auf den Gedanken kommen jetzt die Steine zu thematisieren, die aus dem Erzgebirge kommen… Vielleicht schon, aber dann mit einem ganz anderen Gewicht oder mir einem ganz anderen Hintergrund. Das heißt, es ist eine Frage des Gleichgewichts. Wie schafft man neue Räume, in denen diese gesellschaftlichen und historischen Hintergründe thematisiert werden, aber ohne das in den Vordergrund zu stellen, sondern wirklich die Arbeit von Künstler*innen zu zeigen, bewusst über diesen Hintergrund. Deshalb sage ich, dass dieser ganze Prozess der Dekolonisierung nicht nur im Museum stattfinden darf. Wenn er gesamtgesellschaftlich oder insgesamt in der Kulturlandschaft stattfindet, dann ist es deutlich einfacher, auch im Museum, sich darauf zu konzentrieren, neue Stimmen auszustellen, ohne jedes Mal begründen zu müssen, warum. Trotzdem sehe ich die Ausstellungsmachenden in der Verantwortung, sich bewusst für Diversität zu entscheiden. Diesen Schritt, Ausstellungen, Museen zu verändern, der wird nicht von allein passieren. Man muss sich bewusst anstrengen, sich bewusst dafür entscheiden, andere Stimmen zuzulassen und etwas anderes auszustellen, was bis jetzt nicht ausgestellt worden ist und anders ist als vielleicht das Publikum erwartet. Direkt nach Cultural Affairs habe ich eine Fotografieausstellung gemacht. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht und den Unterschied gesehen, wie viel einfacher das war. Also Themen, die deutlich weniger politisch aufgeladen sind, zu vermitteln, auch auf Publikumsebene. Das ist anders bei Ausstellungen, die wirklich eine bestimmte Anstrengung oder eine bestimmte Perspektive mit sich bringen. Davon brauchen wir viel mehr und eine sehr bewusste Entscheidung, auch mal Platz zu lassen für weibliche Stimmen, für queere Perspektiven, für Künstler*innen mit Migrationserfahrung, für Schwarze Künstler*innen, für alle, die bis jetzt viel weniger in Museen und in offiziellen Institutionen eine Stimme hatten, beziehungsweise weniger präsent waren. Und das nicht nur als die, die ausgestellt werden. Ebenso diejenigen, die die Ausstellungen machen und die, die die Ausstellungen konzipieren und die, die auch in diesen Institutionen arbeiten. Es hängt alles mit allem zusammen und dafür braucht man mehr Platz in Universitäten und mehr Platz in Kunsthochschulen. Außerdem bestimmte Möglichkeiten, das andere Menschen auch Zugang dazu finden, im Kulturbereich zu arbeiten.

00:37:49

Cathleen Kämpfe: Du hast ja eben in deiner Antwort davon gesprochen, dass eben dieser gesellschaftlich umfassende Diskurs stattfinden sollte und natürlich diverse transkulturelle Projekte damit angestoßen werden sollten, damit es auch auf ein Museum übertragbar ist. Nun ist es ja so, dass Du auch bei weiteren transkulturellen Projekten aktiv bist, richtig? Unabhängig vom Grassimuseum. Was für Projekte sind das denn und an welchen Orten und Kontexten siehst Du denn Potenzial für so einen transkulturellen Austausch?

00:43:00

Silvia Gaetti: Größere Projekte im Bereich Transkulturalität finden für mich tatsächlich im Museum statt. Ich bin in mehreren Kreisen politisch aktiv, auch in eher ökologischen Kreisen, feministischen Kreisen. Das sind alles Orte, an denen diese Themen auf jeden Fall noch sehr dringend besprochen werden müssen. Denn dort sind sie besonders wichtig. Auch die ökologischen Bewegungen noch sehr weiß und sehr elitär und ich glaube, da muss noch sehr viel Arbeit gemacht werden, damit sie sich ein bisschen diversifizieren. Und ich sehe tatsächlich die Notwendigkeit, aber auch das Potenzial, dass dieser transkulturellen Ansatz, sowie viele weitere Themenbereiche und Lebensbereiche eher reinkommen. Das Projekt an dem ich gerade parallel zum Museum arbeite, ist eine Ausstellung. Sie wird demnächst eröffnet, in einer kleinen Kunsthalle hier in Leipzig mit drei Künstlerinnen, die aus Deutschland, Griechenland und Israel kommen. Es sind eher bildende Künstlerinnen, auch sehr jung und haben vor kurzem ihr Studium abgeschlossen. Da ist natürlich dieser Start in der künstlerischen Karriere nicht so, wie man sich das wünschen würde, insgesamt. Und diese Ausstellung spricht verschiedene auch sehr aktuelle und sehr wichtige Themen an. Also zum einen das Thema von Migration, nicht nur von Menschen, sondern auch von Pflanzen und Objekten. Aber auch Themen wie Körper und Weiblichkeit, Gender, Mutterschaft, genauso wie ökologische Themen, wie die Nutzung von Landschaft, Ressourcen und ähnliches. Ich interessiere mich für den Versuch, solche Diskurse nicht nur im Museum stattfinden zu lassen, sondern auch in der freien Szene, beziehungsweise dieses Know-How, dort zur Verfügung zu stellen. Weil es weiterhin und jetzt besonders, nach zwei Jahren Pandemie, in der freien Szene besonders notwendig ist, zu unterstützen, damit sie auch weiter lebt und weiter existiert. Denn genau dort existieren und starten Samen für andere, neue Projekte und neue Kraft überhaupt. Und es gibt natürlich besonders in diesen transkulturellen Projekten sehr viele verschiedene Ebenen. Also die ganze Ebene der kulturellen Bildung und politischer Bildung ist eine sehr essenzielle und sehr wichtige, besonders hier in Sachsen, finde ich. Da bin ich eher weniger involviert, aber es gibt sehr viele, auch sehr unterstützenswerte Projekte.

00:43:30

Cathleen Kämpfe: Kannst Du schon sagen, wann und wo diese Ausstellung von den drei Künstlerinnen stattfinden wird?

00:46:25

Silvia Gaetti: Die Ausstellung eröffnet am Freitag, also am 29.April und die läuft bis zum 2.Juli in der A&O Kunsthalle in Leipzig neben dem Bahnhof.

00:46:29

A.S. Ruth Schneider: Als ganz kurze Information. Heute ist der 27. April, die Folge wird Mitte Mai erscheinen, nur damit jetzt hier niemand verwundert ist von den Leuten, die uns zuhören.

00:46:41

Cathleen Kämpfe: Du meintest ja, deine hauptsächliche Arbeit für transkulturelle Begegnungen bleibt beim Museum und ist momentan im Museum verankert, für Dich. Wie können denn Besuchende in einen Dialog mit den ausgestellten Werken gebracht werden, für die transkulturellen Begegnungen? Und inwiefern kann die räumliche und inhaltliche Konzeption den Blick von den Besuchenden beeinflussen? Du kannst Dich ja nicht persönlich die ganze Zeit daneben stellen und alles erzählen. Wie sehr kannst Du also durch das Kuratieren, Ausstellen einen Blick lenken?

00:46:53

Silvia Gaetti: Eine unglaublich wichtige Frage, die ich mir auch regelmäßig gestellt habe. In Cultural Affairs war das so, dass es kurze Texte in einer einfachen Sprache, also nicht bewusst einfache Sprache, aber aufgrund von meiner... nicht native speakerin zu sein, wird es immer eine einfache Sprache sein. Alle Objekte hatten sozusagen einen kurzen Text, indem dieses erwähnt worden ist: was ist der Hintergrund, warum steht das Objekt da. Aber unterschwellig habe ich mich auch dafür entschieden, bestimmte Objekte auszustellen, die eher als Alltagsobjekte gelten. Also es gab einzelne Objekte, die eher Irritation provoziert haben oder so Momente, wo man gemerkt hat, ok, in diesen Objekten, die sehr nah dran sind an meinem Alltag, findet schon diese transkulturelle Begegnung statt. Das war, glaube ich, ein sehr wichtiger Moment. Also so etwas wie ein plasikweißer Monobloc-Stuhl, der war gleich im ersten Raum. Es war ein sehr beliebtes Objekt aufgrund dieser Geschichte als das meistverkaufte Möbelstück der Welt, also das globalste Objekt der Welt überhaupt. Oder gleich auch in dem Raum war ein persischer IKEA-Teppich und da auch zum Beispiel die Möglichkeit über dieses Thema die kulturellen Aneignung zu thematisieren. Oder auch im letzten Raum waren diese Red-White-Blue-Bags, diese große, aus Hongkong stammenden Plastiktaschen, die man auch überall findet. Das heißt, es war sozusagen ein Versuch, viele verschiedene Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen etwas zu vermitteln. Mein tatsächlicher Wunsch wäre ein Multi-Media-Guide auch für unsere Dauerausstellungen zu schaffen, in dem man genau diese transkulturellen Begegnungen, beziehungsweise dieses transkulturellen Blick auf bestimmte Objekte werfen kann. Ich arbeite noch daran. Ich versuche auch, es irgendwann zu realisieren, damit sozusagen diese Perspektive weiterhin im Museum bleibt, trotz dessen, dass Cultural Affairs schon wieder geschlossen ist. Deswegen kann man sozusagen nur mit den Dauerausstellungen arbeiten, was aber auch sehr wichtig und sehr produktiv sein kann, weil es auch bleibt.

00:47:22

A.S. Ruth Schneider: Ja, total. Ich glaube auch, dass es total wichtig ist, da immer temporäre Ausstellungen mit Dauerausstellungen auch zu verbinden, gerade in so Institutionen. Und Du hattest jetzt gerade schon diese großartigen Alltagsgegenstände reingebracht. Ich kenne natürlich auch diesen weißen Stuhl. Ich liebe ihn. Und hatte mich jetzt noch mal gefragt, oder dachte mir auch, jetzt haben wir irgendwie so ganz viele Bereiche schon angesprochen und gedroppt und wie können wir denn eigentlich diese Anliegen von transkulturellen Begegnungen auch in unseren Alltagspraktiken vielleicht mehr verhaften. Also neben dem jetzt erst mal ein Bewusstsein entwickeln, weil da ja auch etliche Objekte eine Rolle spielen, die mit Sicherheit nicht alle Made in Germany sind. Also insofern an die Menschen, die uns jetzt aus Deutschland zuhören, wir haben bestimmt auch ein paar Hörer*innen außerhalb von Deutschland. Oder wie können wir ein Bewusstsein auch für unsere Objekte entwickeln und dem kritisch begegnen? Also wahrscheinlich gibt es jetzt nicht so eine To-do-Liste, aber vielleicht so ein paar Ansatzpunkte.

00:49:52

Silvia Gaetti: Super interessant und auch schwer zu beantworten, weil ich glaube, dass es ein Prozess ist. Der erste Schritt ist, damit anzufangen und zu hinterfragen. Zum Beispiel was man trägt oder was man konsumiert. Wir leben halt in einer neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft. Das heißt sehr viel von der Identitätsdefinition hängt damit zusammen, was wir konsumieren. Das heißt daran hängt ein bewusster Konsum und zwar nicht nur davon, was wir kaufen oder was wir uns schenken lassen oder was wir besitzen, sondern wie wir mit bestimmten Objekten umgehen und wie wir bestimmte Objekte entsorgen. Es ist ein ganzer Zyklus. Und es fängt sozusagen mit dem Ankauf von einem Objekt mit dem Bewusstsein an: Ok woher kommen die Materialien? Wer hat das gemacht? Wie hat er das gemacht oder sie? Welche Wege hat es genommen? Warum überhaupt? Wie ist es zu mir gekommen? Wie lange bleibt es bei mir? Wie werde ich ihm begegnen? Und vor allem, wo geht es danach hin? Das ist ein anderes unglaublich wichtiges Thema und ich glaube, damit kann man überhaupt anfangen und merken… Es ist sozusagen ein erstes Netz mit dem man in diese Verflechtung rein kommt. Und es ist unmöglich, sich komplett da raus zu nehmen. Also es ist möglich, aber es ist jedenfalls eine Lebensentscheidung. Wir leben in einer global vernetzten Welt. Und trotzdem ist es wichtig, dieses Bewusstsein dafür, und zwar nicht nur auf einer intellektuellen Ebene, sondern auch im big scale. Es geht also nicht nur darum, weniger zu konsumieren, sondern auch darum bewusst zu konsumieren und sich bewusst darüber zu sein, welche Zyklen Objekte mit sich bringen. Besonders nach unserer Nutzung. Es gab auch in der Ausstellung, in Cultural Affairs, das Projekt von Jojo Gronostay, dessen Modelabel Dead White Men's Clothes, die auch das Thema des Recyceln behandeln. Beziehungsweise das Entsorgen von alter Kleidung aus Europa, die zum Großteil auch in afrikanischen Ländern landen und von da entweder weiterhin benutzt oder auch recycelt werden, aber nicht immer. Und er hat sozusagen auch diese riesigen Massen an Textilien und Kleidung wieder nach Europa gebracht, sie neu gelabelt und dann teuer verkauft. Also sozusagen versucht, darauf aufmerksam zu machen. Und das ist wieder ein Thema, was alle möglichen Bereiche betrifft. Also nicht nur Mode, sondern auch die Nutzung von Kaffee, von Zucker, von Gold, von Steinen. Woher kommt das ganze Steinmaterial, welches Steinmaterial darf man nehmen, welches nicht? Welche Konsequenzen hat das für die Erde, wenn man irgendwelche seltenen Materialien benutzt und wozu? Wie lange braucht Plastik überhaupt, um wieder aus der Welt zu gehen? Und wer bezahlt dafür, wenn ich das jetzt recycle? Also es ist eher so ein insgesamtes Bewusstsein und man wird schon verrückt, wenn man nur anfängt darüber nachzudenken. Aber wir, unsere Generation, die nächste, haben keine andere Wahl, als uns damit auseinanderzusetzen. Also nicht nur aus der Perspektive der ökologischen Krise, sondern auch aus gesellschaftlicher Perspektive.

00:51:08

Cathleen Kämpfe: Ich denke, das ist wieder genau die Brille, von der Du gesprochen hast, die, wenn man sie einmal auf hat es schwierig ist, sie wieder abzusetzen, weil wirklich diese absolute Notwendigkeit in jedem kleinsten Detail von jedem größeren Teil auf dieser Welt natürlich zu hinterfragen gilt, eigentlich. Ja. Ganz zum Abschluss noch eine kleine utopische, positive Frage. Was wären jetzt, auf einem weißen Blatt Papier, Deine Wünsche an museale Räume in der Zukunft?

00:54:55

Silvia Gaetti: Ich wünsche mir sehr, mehr unterschiedliche Perspektiven im Museum. Selbst wenn ich Besucherin von Museen bin, was ich sehr oft und sehr viel bin, wünsche ich mir oft Transparenz über Objekte, über Provenienzen oder zu wissen, wer spricht. Welchen Hintergrund hat die Person, die spricht, aus welcher Perspektive spricht sie oder spricht er? Und insgesamt würde ich mir sehr wünschen, Museen als Orte des Dialogs zu sehen und viel weniger als Orte, wo eine Wahrheit erzählt wird. Insgesamt wünsche ich mir menschliche Begegnungen. Also ich bin kein großer Fan von Museen als ganz digitale Orte. Daher wünsche ich mir sehr, dass Museen weiterhin und immer mehr Orte sind, wo Menschen zusammen sind, wo Menschen in Dialog kommen, wo Menschen auch vor Fragen gestellt werden, bestimmte Gedanken, wo auch kritische Gedanken angeregt werden. Und ein Ort, in dem sich Viele wiederfinden. Also nicht nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe aus einer Mehrheitsgesellschaft, sondern wirklich viele Menschen auch das Gefühl haben, sich da wiederzufinden oder gesehen zu werden oder ein Teil der Gesellschaft zu sein. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass Museen immer mehr offen für eine Stadtgesellschaft sind und werden. Ich wünsche mir vernetzte Institutionen, die aus der eigenen Rolle von nur Zeigen rauskommen. Also eher Menschen anregen, auch etwas zu machen und Perspektiven zu teilen, mitzumachen. Ich wünsche mir insgesamt, also besonders jetzt nach zwei Jahren Pandemie und dem ständigen Gefühl, dass Kultur als nicht systemrelevant gilt… Ich wünsche mir sehr, dass Kultur als ein unglaublich wichtiger Bestandteil von unserer Gesellschaft angesehen wird. Und zwar nicht nur Museen, sondern alle Macher*innen genauso und alle, die sozusagen Teil von Kultur und besonders der freien Szene sind. Also ich habe tatsächlich nach diesen zwei Jahren eine große Angst, dass unsere kulturelle Landschaft auch eher verarmen wird oder sich verkleinern wird. Und ich wünsche mir sehr, dass politisch auch einfach angesehen wird, was für eine wichtige Rolle das spielt, eine lebendige und diverse Kulturlandschaft zu haben. Das hoffe ich sehr.

00:55:24

A.S. Ruth Schneider: Ja, dem können wir uns, glaube ich, beide nur anschließen.

00:58:07

Cathleen Kämpfe: Danke für Deine Zeit und Deine ganzen Vorbereitungen. Das waren auch so viele echt greifbare Beispiele, das finde ich immer so schön.

00:58:12

Silvia Gaetti: Danke euch, ich fand es auch sehr schön.

00:58:18